Was bedeutet Sühne?

Ein historisches Beispiel kann uns das näherbringen:
Von etwas 1840 bis 1860 herrschte über die Bergvölker des Kaukasus Fürst Schamyl. Er war gerecht und von dem Streben beseelt, gerechte Verhältnisse zu schaffen. Vor allem wollte er die weit verbreitete Unsitte der Bestechung, die Korruption, ausrotten. Zu diesem Zweck erließ er ein strenges Verbot mit der Strafandrohung: Wer noch einmal der Bestechung überführt werde, dem werde er vor allem Volke 50 Peitschenhiebe auf den Rücken geben lassen. Und siehe da, die erste Anklage richtete sich gegen Schamyls eigene Mutter! Betroffen und schmerzerfüllt schloss sich Schamyl drei Tage in sein Zelt ein. Es war ein schwerer Kampf, den er mit sich kämpfte. Auf der einen Seite stand vor seiner Seele das Gesetz, das die Strafe verlangte, auf der anderen Seite stand die Liebe des Sohnes zu seiner Mutter. Würde er auf die Bestrafung verzichten, wäre mit Recht seine ganze Glaubwürdigkeit dahin. Was sollte er tun? Am Morgen des vierten Tages trat Sultan Schamyl aus seinem Zelt, bleich und ernst. Herolde riefen das ganze Volk zusammen, und Schamyl ließ seine Mutter in die Mitte des Volkes führen. Er ließ ihr die Hände auf den Rücken binden, ließ zwei Männer mit Peitschen herantreten, ließ die Peitschen emporheben zum Schlag. Aber in dem Augenblick, wo der erste Schlag niedersausen sollte, riss der Sultan seine Mutter hinweg und fing selbst, totenbleich, mit gebeugtem Rücken die fünfzig Peitschenhiebe auf, einen nach dem anderen. Nach dem fünfzigsten Peitschenhieb richtete sich der Herrscher majestätisch auf und rief zumVolk: "Dem Gesetzt ist Genüge getan! Das Blut des Herrschers selber ist zu seiner Sühne geflossen." Das machte einen solchen Eindruck, dass von jenem Tage an die Bestechung im ganzen Land verschwunden war.

Christus, der ewige Sohn Gottes, der für uns Mensch geworden ist, hat an unserer Stelle die Sünden gesühnt. Auf der einen Seite kann er über die Sünden nicht wie über ein Kavaliersdelikt einfach hinweggehen, auf der anderen Seite war seine Liebe zu uns so groß, dass er einen Weg suchte, um uns zu verschonen. So nahm er selber die Sühne auf sich und starb für uns!

Die Liebe, die dahintersteht, können wir auch aus folgender Legende über die Liebe einer Mutter erkennen:
Es war um Mitternacht. Der Knabe lag in seinem Bett. Er war schwer krank, sein Gesicht war heiß vom Fieber und seine Hände bewegten sich unruhig auf der weißen Decke. Er stieß wirre, wilde Worte aus, und in seinen Augen war ein trübes Licht, wie das einer Kerze, die am Erlöschen ist.
Am Bette saß die Mutter. Mit wachen Augen und linden Händen hütete sie ihn und wehrte der Krankheit mit all ihren Kräften. So hatte sie schon Tage und Nächte seiner gewartet und war nicht müde geworden.
Heute war die schlimmste Nacht. Das Herz der Mutter bebte in Angst und Schmerzen. Mitternacht. Da hörte die Mutter eine fremde Stimme: "Warum wehrst du mir den Knaben? Hat er dir nicht schon Kummer und Gram genug bereitet? Solltest du nicht froh sein, wenn ich dir diese Bürde abnehme?"
Sie blickte auf und sah eine hagere, bleiche Gestalt, in graue Schleier gehüllt, die ihre harten Hände dem Knaben aufs Herz legte. "O nein!", rief die Mutter und schob die harten Hände beseite. "Nein, nein. Laß mir das Kind! Ich habe es an meinem Herzen getragen, und ich liebe es, und wenn es böse ist, so bedarf es meiner Liebe noch mehr." - "Willst du ihn dennoch behalten, so mußt du gar schwere Opfer bringen." - "Ich bin zu jedem Opfer bereit", sagte die Mutter, "ich werde mein Kind retten"!
Darauf die Gestalt: "So lege ich alle die Schmerzen und Leiden, die er jetzt erduldet und jemals zu dulden haben wird, auf dich; du mußt sie alle erleiden in dieser einen Nacht." - "In dieser einen Nacht", seufzte die Mutter.
Aber ihr Herz blieb tapfer. "Ich will alles erleiden", sagte ihr Herz, "wenn du mir den Knaben läßt!" - "Doch wird es dir zu schwer, brauchst du nur zu rufen, dann nehme ich dir die Last wieder ab; aber dein Sohn wird sterben." - "Nichts wird mir zu schwer sein. Ich vertraue der Macht der Liebe." - "Aber ich kann ihm nur nehmen, was mein ist", sagte die Krankheit, "es hat noch ein anderer schon seine Hand über ihm."
Und die Krankheit ging hinaus, und der andere trat über die Schwelle. Es wurde seltsam kühl im Zimmer, und als die Mutter aufschaute, stand König Tod am Bett.
"Der Krankheit habe ich ihn abgerungen, nun will ich auch mit dir ringen um ihn", sagte die Mutter mit zitternden Lippen.
"Auch ich werde dir gnädig sein; doch mußt du noch ein schweres Leid auf dich nehmen." - "Was es auch sei, ich will es tragen!" - "Du mußt durch all das Böse und Schwere gehen, das dieser Sohn aus seinem bösen Wesen erleben würde, wenn er am Leben bliebe, und du mußt dies alles erdulden in dieser einen Nacht." - "In dieser einen Nacht!", seufzte der Leib der Mutter. - "Wird es dir zu schwer, so rufe mich, ich werde dir die Last abnehmen; aber dein Sohn wird sterben!" - "Ich werde alles erleiden um seinetwillen!", sagte das mutige Herz. Da verließ der Tod das Gemach. Die Mutter fiel in tiefem Weh zur Erde und alle Pein und alle Schmerzen der Krankheit kamen über sie. Der Leib seufzte, das Blut stöhnte; aber das Herz blieb fest und stark und erlaubte der müden Stimme nicht, nach Erlösung zu rufen. Und als alle Krankheit über das Herz gegangen war, begann das andere und noch bitterere Leid.
Die Mutter sah all die bösen Schritte auf dem Weg des Laster, die der Sohn in Zukunft gehen würde. Sie sah ihn gegen alle Gebote sündigen, sah ihn in Schande und Schmach, in Elend und Verderben. Ihre Seele stöhnte und weinte bitterlich, aber das Herz blieb tapfer und stark. Da aber der Sohn nun zur Richtstatt geführt wurde und der Henker seine große Schuld sühnen wollte, schrie die Seele auf in bitterster Qual, und die todmüde Stimme wollte nach Erlösung rufen. "Sei still, o sei still!", sagte das blutende Herz, "laß mich den letzten bitteren Tropfen leeren!"
Da öffnete sich die Türe, und König Tod trat herein. Er sagte ernst und feierlich: "O Mutterherz, ich neige mich vor deiner Kraft und Schönheit! Wahrlich, es gibt nichts zwischen Himmel und Erde, das dir gleichkäme! Steh auf! Dein Sohn ist dir wiedergegeben, dein Leiden hat alles Böse von ihm genommen."
Nochmals neigte sich der König tief vor dem Mutterherzen und verschwand.
"Mütterlein, wo bist du?", rief da die Stimme des Sohnes. Die Mutter eilte an das Lager und nahm den Sohn in die Arme. "Wo warst du, Mütterlein? Ich rief dich, aber du hörtest mich nicht." - "Ich war im tiefen Brunnen des Leides um dich, mein Sohn." - "Um mich? Ach, ich war in schweren Träumen und fand dich nicht. O, daß ich dich wieder habe, mein Mütterlein!" Und er schlang die Arme um sie und küßte sie. "Aber Mütterlein, was ist so fremd an dir, so anders als sonst?" - "Wieso, mein Kind?" - "Dein Haar ist schneebleich und war doch so golden zuvor?" - "Ach, mein Herz war im tiefen Brunnen des Leides um dich, mein Sohn, das hat mein Haar so bleich gemacht!"
Da legte der Knabe sein Haupt an das Herz der Mutter und weinte bitterlich.
Und seine Tränen drangen wie sanfter Sommerregen in das todwunde Mutterherz, und langsam blühten unter diesen Tränen alle Blumen seines Gartens wieder auf, die vom brennenden Leide verdorrt waren.
Quelle: A.M. Weigl, Wunder des Vertrauens, Altötting 1995

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